Beim Bewerbungsschreiben Gehaltsvorstellung aufnehmen oder lieber nicht? 

 

Das ist eine heikle Frage. Wenn du im Bewerbungsschreiben Gehaltsvorstellungen angibst, ohne die Firma, die Position und potenzielle Zusatzleistungen im Detail zu kennen, hast du später kaum Spielraum für Verhandlungen. Andererseits wird aber in vielen deutschen Stellenanzeigen explizit um die Angabe der Gehaltsvorstellungen gebeten. Kannst du das ignorieren? Das ist wahrscheinlich auch nicht klug. Aber was sollst du dann angeben? Wirst du dich vielleicht disqualifizieren, wenn du dein tatsächliches Wunschgehalt angibst? 

 

Wie man so ein heikles Thema angeht

 

Gehaltsverhandlungen sind für die meisten Frauen ein schwieriges Thema. Wir kennen alle den berühmten “Gender Gap”. Männer verdienen oft mehr für die gleiche Arbeit als Frauen. Zu den Gründen dafür gibt es viele Untersuchungen und Studien, auf die ich nicht genauer eingehen werde, weil das den Rahmen einfach sprengen würde. Ich werde mich daher auf meine bisherigen Erfahrungen zu dem Thema als Teamleiterin, Kollegin, Freundin und Bewerbungscoach beziehen. 

 

Ich habe beobachtet, dass die meisten Frauen keine fordernden oder unverschämten Gehaltsvorstellungen äußern wollen. Wenn ich nach dem Grund frage, ist das häufigste Argument: Ich glaube, die Firma kann sich das sicher nicht leisten. Wir machen uns also schon Gedanken um die finanzielle Situation der Firma und wie wir ihr helfen können, bevor wir überhaupt dort angefangen haben. Wie rücksichtsvoll von uns… 

 

Oder noch schlimmer: “Meine Freundinnen haben mir gesagt, dass ich für diese Position in dieser Branche so viel erwarten kann.” Ist das wirklich unser Ernst? Halten wir uns gegenseitig zurück, in dem wir einander raten, das gleiche zu verlangen, was wir bereits bekommen? Ich habe kürzlich mit einer Kundin lebhaft darüber diskutiert. Warum solltest du gleich viel bekommen wie deine Freundinnen? Weißt du denn, ob sie gleich arbeiten wie du? Kannst du dich wirklich mit ihnen vergleichen? 

 

Kenne deinen Wert! 

 

Das wichtigste ist, dass du deinen Wert kennst. Deinen Wert. Nicht den deiner Freundin, deiner Schwester, deiner Kollegin - deinen. Selbst wenn ihr zusammen studiert oder in einer ähnlichen Position gearbeitet habt, habt ihr nicht den gleichen Hintergrund und die gleichen Kenntnisse und Fähigkeiten. Du hast andere Stärken, andere Fähigkeiten und wahrscheinlich eine andere Arbeitsweise. Ich habe viel mit meinen Freundinnen gemeinsam, aber ich weiß nicht genug darüber, wie sie arbeiten und was ihre Position genau umfasst. Daher vergleiche ich mich und mein Gehalt nicht mit ihnen. Ich vergleiche mich auch nicht mit meinen Kolleginnen, denn ich kenne nur meine Stärken und meine Leistung wirklich. 

 

Keine Vergleiche mehr! 

 

Konzentriere dich also auf deine Erfahrung, deine Stärken und deine Fähigkeiten anstatt dich mit der ganzen Welt zu vergleichen. Stell dir die Frage: Wie profitiert die Firma von dir? Gewinnen sie an Effizienz, weil du sehr konzentriert und effizient arbeitest? Werden die Umsätze steigen, weil du eine ausgezeichnete Verkäuferin bist? Werden sie Zeit und Geld für Schulungen und Weiterbildung sparen, weil du bereits viele Jahre Erfahrung mitbringst und sie nicht einen Neuling einlernen müssen? 

 

Außerdem musst du verstehen, dass du den Arbeitgeber nicht um einen Gefallen bittest. Ein Arbeitsvertrag ist ein Geschäft. Der Arbeitgeber kriegt dein gesamtes Wissen, deine Fähigkeiten und deine Erfahrung. Wie viel ist das wert? Verhandle auf Augenhöhe anstatt dich als Bittstellerin zu fühlen, damit du auch angemessen entlohnt wirst. 

 

Google ist dein Freund

 

Wenn du dir sehr unsicher bist, wie die Position einzustufen ist, kannst du mit einer schnellen Google Suche das Durchschnittsgehalt für vergleichbare Positionen in der Branche ausfindig machen. Das lohnt sich auf jeden Fall, da unterschiedliche Branchen unterschiedlich viel zahlen. Ich habe selbst in einer Marketingagentur gearbeitet bevor ich in die Pharmabranche gewechselt bin. Das sind zwei komplett unterschiedliche Branchen mit unterschiedlichen Gehaltsniveaus. Suche also nach dem Durchschnitt in deiner Branche und berücksichtige auch die Größe der Firma. Größere Firmen sind vielleicht eher zur Überzahlung bereit als kleinere. Es kann auch einen Unterschied machen, ob die Firma am Land oder in der Stadt liegt. Innerhalb eines Landes kann es auch ein regionales Gefälle geben. Diese Informationen sollten deine Gehaltsvorstellungen nicht bestimmen, aber sie liefern dir einen Grundstock, auf dem du deine Verhandlungen und Argumente aufbauen kannst. 

 

Gibt es einen Kollektivvertrag? 

 

In einigen Ländern, zum Beispiel in Österreich, gibt es für viele Branchen Kollektivverträge, die die Gehaltsstufen für jede Position in der Branche festlegen. Wenn es solche Kollektivverträge gibt, solltest du dir unbedingt die empfohlene Einstufung der Position unter Berücksichtigung deiner bisherigen Berufserfahrung anschauen. In Österreich ist es sogar vorgeschrieben, dass Arbeitgeber das kollektivvertragliche Mindestgehalt in der Stellenausschreibung angeben müssen. Allerdings kann man immer mehr verlangen, wenn man bereits relevante Berufserfahrung hat. 

 

Ich betone diesen Punkt, weil ich es als Teamleiterin mehrmals erlebt habe, dass Bewerberinnen nicht einmal versucht haben, mehr als das angegebene Mindestgehalt zu verlangen. Das hat mich als Teamleiterin wirklich überrascht. Sie haben nicht einmal versucht, zu verhandeln! Erkundige dich also unbedingt im Vorhinein, damit du deine Gehaltsvorstellungen nicht zu niedrig ansetzt. 

 

Insider Wissen ist Gold wert!

 

Wenn du jemanden kennst, der in der Firma arbeitet oder gearbeitet hat, frag die Person unbedingt um Rat. Erstens kannst du so einen Einblick bekommen, ob die Firma eher gut oder schlecht zahlt und zweitens kannst du auch in Erfahrung bringen, ob es noch andere Gehaltsbestandteile gibt. Manche Firmen bieten eine private Kranken- oder Unfallversicherung, einen Firmenwagen, eine günstige Kantine, eine Betriebspension, ein Fitnessstudio und vieles mehr. Gibt es außerdem nur ein Grundgehalt oder auch einen Bonus? Solche Informationen sind ganz wichtig bevor du Gehaltsvorstellungen abgibst. Falls du niemanden in der Firma kennst, schau zumindest auf der Website nach, ob du da irgendwelche Informationen zu solchen Leistungen findest. 

 

Frage einen Mann

 

Das kann dir wirklich die Augen öffnen. Mir ist es auf jeden Fall so gegangen. Ich dachte immer, mein Mann sagt mir, ich solle mehr verlangen, weil er mein Mann ist und mich gut findet. Als ich andere Männer im Bekanntenkreis um Rat gefragt habe, habe ich festgestellt, dass ich 10-15% weniger gefordert hätte als sie! 15% - kannst du dir das vorstellen? Bei einem Jahresgehalt von 40.000,00 € wären das beispielsweise fast 6.000,00 € brutto weniger. 

 

Auch wenn ich mir wie eine komplette Hochstaplerin vorkam, habe es trotzdem mit dem höheren Gehalt versucht. Natürlich reicht es nicht, einfach ein höheres Gehalt zu nennen. Du musst auch gute Argumente vorbereiten und nicht gleich nachgeben. Ich bin hart geblieben und habe dann tatsächlich das Gehalt bekommen, das ich zunächst nicht mal ansatzweise in Betracht gezogen hätte. Sei selbstbewusst und mutig und hör auf deinen Mann, Freund oder andere Männer in deiner Bekanntschaft. 

 

Gehaltsvorstellungen reinschreiben oder nicht?

 

Wenn es in der Stellenanzeige nicht explizit gefordert ist, schreib auf keinen Fall deine Gehaltsvorstellungen in das Bewerbungsschreiben. Du würdest dir jede Möglichkeit für spätere Verhandlungen nehmen. In einem Bewerbungsschreiben kannst du dem Arbeitgeber nicht ausreichend vermitteln, warum du ein bestimmtes Gehalt wert bist. Im Bewerbungsschreiben sollst du dich vorstellen und das Interesse des Arbeitgebers wecken. Es ist nicht die richtige Plattform für Gehaltsverhandlungen. Du kannst nicht alle Argumente für deine Gehaltsvorstellungen in ein Bewerbungsschreiben quetschen. 

 

Wenn explizit um die Angabe von Gehaltsvorstellungen gebeten wird, solltest du das nicht ignorieren. In so einem Fall solltest du nicht eine konkrete Zahl angeben, sondern ein bisschen Spielraum lassen. Sonst kannst du später gar nicht mehr verhandeln. Schreibe zum Beispiel, dass du dir ein Gehalt einer bestimmten Größenordnung vorstellst, aber dass deine endgültige Gehaltsforderung natürlich auch von anderen Gehaltsbestandteilen und sonstigen Zusatzleistungen abhängt. 

© 2018 Bettina Árnafjall. Erstellt mit Wix.com.

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Bettina Árnafjall

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